Hinterm Ofen beginnt die Geschichte – Ein Archiv für alle in der Stadtbibliothek Velten

Wer die modernen Räumlichkeiten der Stadtbibliothek Velten betritt, denkt zuerst an neue Romane, Hörbücher, Großdruck für müde Augen. Vielleicht auch an Leo Lesewurm, das bunte Maskottchen. An freundliche Gespräche mit der Bibliothekarin, an Kindergelächter und Hinweise auf Veranstaltungen.

Doch wer sich zwischen Regal und Ofen umsieht – genauer gesagt: zwischen dem farbenfroh bemalten Modellofen der Kita Kinderland und dem Fenster zur Vergangenheit – entdeckt etwas ganz anderes. Etwas stilles. Etwas Beeindruckendes.

Unsichtbar sichtbar: Das Gedächtnis einer Stadt

Dort, wo der Ofen steht, verbirgt sich dahinter ein Regal. Darin keine gewöhnlichen Bücher, sondern schlichte Ordner. Blau, schwarz, rot. Büroordner mit handgeschriebenen Rückenetiketten: Velten 1982 – 1. Halbjahr. Velten 1994 – 2. Halbjahr.

Die Titel lassen nüchterne Verwaltung vermuten: Abrechnungen über Bücher oder Nutzerkonten. Doch wer einen Ordner aufschlägt, begreift: Hier liegt Leben drin.

Sorgfältig geschnittene Zeit

In jedem Ordner: Zeitungsausschnitte aus „MAZ“, „MV“ und anderen regionalen Blättern. Jahr für Jahr, Halbjahr für Halbjahr, fein säuberlich eingeklebt. Kein Chaos, kein Sammelsurium – sondern Chronik. Geschichte. Geschichten.

Sie berichten von kleinen Dingen mit großer Wirkung. Wie am 19. Mai 1989, als 88 Veltener Angler das Ufer des Stichkanals in Ordnung brachten. „Auch unsere Rentner packten feste mit an“, steht da. Sie bauten Faschinen zur Ufersicherung, schufen Wege für die Feuerwehr. „Bockwurst und heißer Tee“ gab’s von der Kulturkommission. Das Fazit: „Aufgeräumte Ufer gut zugänglich“. Der Name des Autors: Norbert Nather. Das Foto zeigt Männer mit Hacken und Holzstämmen, in gebückter Haltung, am Wasser, bei der Arbeit. Damals wie heute, erinnert sich jemand an diesen Beitrag: Erfolgreicher Umwelttag des Anglervereins Morgenröte Velten

Ein anderer Artikel, datiert auf den 12. Februar 1994, fragt: „Rollt die S-Bahn von Tegel bald über private Gleise nach Velten?“ Der Förderverein kämpft, es geht um Millionen. Die Stadt Hennigsdorf macht mit. Eine GmbH soll gegründet werden. Das Thema: hochaktuell, wie so viele in den Ordnern.

Schulbeginn mit Sandgrube

Noch ein paar Seiten weiter: 2. September 1986, Stadtteil Süd. Der Blick reicht über Brachland, Sandgrube und Wald. Eine neue Schule wird eröffnet. Im Artikel heißt es: „Vom festlichen Appell dazu wollen wir am Donnerstag per Foto berichten.“ Zwei Tage später dann: volle Klassenzimmer, aufgereckte Kinderhände, Stolz und Neuanfang. Die neue Schule ist da, die Turnhalle auch – das Mittagessen kommt bald. Die Stadt wächst. Und dokumentiert wird das – wieder – im Ordner.

Straßen, Seen und Streitigkeiten

Auch ganz alltägliche Aufregungen finden ihren Platz. Etwa der Artikel über die Bebauung des Marktplatzes vom 11. März 1994. 40 Lkw mehr in der Woche sollen durch die Viktoriastraße rollen. Der Verkehr droht zu kippen. Bürgermeister Hellwig beschwichtigt – und doch liegt Ärger in der Luft.

Oder die Pläne zum „Autobahnsee“, datiert 27. März 1977. Ein Naherholungszentrum entsteht: mit Spielplatz, Nichtschwimmerbecken, Parkplatz für 400 Pkw. Bis zu 10.000 Badegäste an heißen Tagen werden erwartet. Man träumt groß. Und die Volksvertreter nehmen’s auf, gemeinsam mit dem Stahlwerk, dem Plattenwerk und dem Autobahnbaukombinat. Heute heißt es: Bernsteinsee Velten jetzt geöffnet – Vom Baggersee zum Sommerparadies mit Melone – Seniorenbeirat Velten

Wer war Rudi Pilger?

Dass all diese Geschichten heute so zugänglich sind – das verdanken wir Rudi Pilger. Ein Name, der nicht laut war, aber viel bewegt hat. Autor des Buches „Velten in alten Ansichten“, langjähriger Sammler, leidenschaftlicher Chronist. Er durchforstete Zeitungen, schnitt aus, ordnete, klebte. Jahrzehntelang. Bis ins kleinste Detail. Seine Witwe übergab die Sammlung der Stadtbibliothek – nicht für ein Museum, sondern für uns. Für heute. Für alle.

Ein offenes Archiv – mitten im Raum

Die Ordner stehen nicht hinter Glas, nicht im Keller, nicht in der Vitrine. Sie stehen offen im Regal. Zwischen Ofenmodell und Kinderecke. Wer will, darf blättern. Wer sucht, wird fündig. Wer liest, sieht Velten: im Wandel, im Wachsen, im ganz normalen Alltag.

Zwischen Wahlkampf und Wurstverkauf, Kanalbau und Klassenzimmer. Zwischen Aufbruch, Planwirtschaft, Umbruch, Neubeginn.

Fazit: Vergangenheit zum Anfassen

Was bleibt, wenn die großen Dinge vergessen sind? Die kleinen Geschichten. Die Bockwurst am Stichkanal. Der Schultag im September. Der Leserbrief zur Kanalisation.

Sie alle stehen in diesen Ordnern. Und sie warten. Auf Leserinnen und Leser, die neugierig genug sind, sich zu bücken, zu blättern – und Velten in alten Artikeln wiederzufinden.