Ich war gerade vom Markt auf dem Weg zum Seniorentreff in der Poststraße. Dort sollte Bingo gespielt werden, also eigentlich ein ganz gewöhnlicher Weg. Doch an der großen Giebelwand an der Ecke Poststraße und Emma-Ihrer-Straße blieb ich erst einmal stehen. So etwas übersieht man schließlich nicht. Blauer Himmel, Wolken, zwei Figuren in luftiger Höhe, ein Heißluftballon, grüne Hügel und viele kleine Details ziehen sich über die ganze Hauswand. Dazu steht dort groß der Satz: „Das Einzige, was stärker ist als Hass, ist Liebe.“ Und weil ich wissen wollte, was es mit dem Bild auf sich hat, habe ich mich ein wenig erkundigt.

Schüler haben die Idee mitentwickelt

Das Wandbild gehört zum Projekt „Farben der Gemeinschaft – Kunst verbindet Alt und Jung 2026“ des Hedwig-Bollhagen-Gymnasiums. Ein Kunstkurs der zwölften Klasse entwickelte ein Konzept, mit dem der Wohnblock der städtischen REG an der Emma-Ihrer-Straße und Poststraße zu einem sichtbaren Ort der Begegnung zwischen den Generationen werden soll. Umgesetzt wurde das große Fassadenbild gemeinsam mit der Firma Sprühsinn. Den Namen kennt man in Velten inzwischen schon von anderer Stelle. Sprühsinn gestaltete unter anderem auch die große Wand am Parkdeck auf dem Marktplatz, bei der die Veltener zuvor über verschiedene Entwürfe abstimmen konnten.

Diesmal geht es aber nicht nur darum, eine graue Wand schöner zu machen. Hinter dem Bild steckt ein Konzept, das ziemlich viel mit Velten selbst zu tun hat.

Auch die Keramikstadt steckt in der Wand

Wer unten an der Fassade genauer hinsieht, entdeckt kleine farbige keramische Elemente. Auch Namen und Spuren der Beteiligten sind dort zu finden. Das ist bewusst so gestaltet worden, denn die Jugendlichen wollten an die Keramikgeschichte Veltens anknüpfen.

Baukeramik wurde hier bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in großem Stil hergestellt. Veltener Keramik findet sich bis heute an Gebäuden weit über die Stadt hinaus. Im Ofen- und Keramikmuseum wird diese Geschichte bewahrt, und nun taucht sie auf eine ganz andere Weise auch wieder im Stadtbild auf.

Das gefällt mir ehrlich gesagt besonders gut. Geschichte muss nicht immer hinter Glas stehen und mit einer Jahreszahl versehen sein. Manchmal reicht es, wenn sie ganz selbstverständlich in etwas Neuem weiterlebt.

Die Wand soll mehr sein als nur ein Bild

Zum Konzept gehören außerdem QR-Codes mit Tonaufnahmen von Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen aus Velten. Die Beiträge sollen ausgetauscht und ergänzt werden können. Die Wand ist damit nicht nur als fertiges Kunstwerk gedacht, sondern als etwas, das sich weiterentwickeln kann.

Vorangegangen war eine Aktion auf dem Marktplatz. Jugendliche hatten Veltenerinnen und Veltener gefragt, was sie sich für ihre Stadt wünschen. Die Antworten wurden an einem sogenannten Wunschbaum gesammelt. Dabei kamen sehr unterschiedliche Dinge zusammen: Straßenausbau, weniger Graffiti, ein S-Bahn-Anschluss, mehr Miteinander und auch Menschen, die schlicht zufrieden mit ihrem Leben hier waren.

Gerade diese Gespräche waren offenbar ein wichtiger Teil des Projekts. Jugendliche kamen mit älteren Menschen ins Gespräch, die sonst vielleicht einfach aneinander vorbeigegangen wären. Das klingt erst einmal nach einer kleinen Sache, ist aber vermutlich genau das, was mit „Gemeinschaft“ eigentlich gemeint sein sollte.

Das Projekt wurde ausgezeichnet

Mit „Farben der Gemeinschaft“ bewarben sich die Schülerinnen und Schüler auch beim brandenburgischen Innenstadtwettbewerb. Das Projekt wurde in der Kategorie „Junge Innenstadt“ ausgezeichnet und erhielt ein Preisgeld von 3.000 Euro.

Gelobt wurde vor allem die Verbindung aus Baukeramik, moderner Fassadengestaltung, QR-Codes und dem Austausch zwischen den Generationen. Weitere Unterstützung kam von den Stadtwerken Velten. Als Partner waren außerdem unter anderem die Stadt Velten, die REG sowie die Ofen- und Keramikmuseen beteiligt.

Wenn man das alles weiß, schaut man auf die Wand anders. Dann ist sie eben nicht bloß hübsch bunt, sondern das Ergebnis von ziemlich vielen Ideen und Gesprächen.

Sprühsinn hinterlässt inzwischen Spuren in Velten

Die Firma Sprühsinn aus Teltow ist auf Fassaden, Wandbilder, Trafostationen und andere großflächige Gestaltungen spezialisiert. In Velten sind inzwischen mehrere Arbeiten zu sehen. Das Parkdeck am Markt ist ein Beispiel dafür, und nun gehört auch diese Hauswand an der Poststraße dazu.

Natürlich löst ein Wandbild keine großen Probleme einer Stadt. Ein schöner Giebel ersetzt keinen guten Gehweg, keinen Laden und auch keinen vernünftigen Busanschluss. Aber darum geht es hier auch nicht. Entscheidend ist eher, ob man merkt, dass sich jemand Gedanken über einen Ort gemacht hat.

Und das merkt man hier. Junge Menschen haben etwas gestaltet, das nicht nur für junge Menschen gedacht ist. Die Keramikgeschichte Veltens taucht darin auf, ohne dass daraus gleich eine Geschichtsstunde wird. Und eine Wand, an der man früher vermutlich einfach vorbeigelaufen wäre, ist plötzlich ein Ort geworden, an dem man stehen bleibt und genauer hinschaut.

So war es jedenfalls bei mir. Zum Bingo bin ich trotzdem noch rechtzeitig gekommen, und fünf Minuten für eine Hauswand, bei der es tatsächlich etwas zu entdecken gibt, kann man sich ruhig nehmen.