Es gibt Tage, da passt einfach alles: Der Himmel trägt ein leises Blau, die Luft ist warm, aber nicht schwer, und die Sonne wirft gerade so viel Licht, dass die Blumen im Park wie gemalt wirken. Heute, am 8. August, führt der Weg nicht in einen der bekannten Räume des Bürgerhauses, sondern hinaus ins Freie. Dort, wo Schmetterlinge zwischen den Beeten tanzen und eine hölzerne Pergola Schatten spendet, beginnt gleich die Tai-Chi-Stunde.
Ich wollte eigentlich in den Raum 1.4. Dort trifft sich die Tai-Chi-Gruppe laut Plan. Doch der Raum ist heute leer. Kein Flüstern, kein Stühlerücken. Stattdessen höre ich etwas anderes: eine leise Melodie, fernöstlich, wie aus einem Film, in dem Kirschblüten vom Himmel fallen. Also folge ich dem Klang, über den Weg am Blumenbeet entlang. Und da sind sie: neun Menschen, unter einer Pergola, umgeben von Schmetterlingen, die sich nicht entscheiden können, welche Blüte heute die schönste ist.

Der Kreis und die Mitte
Die Gruppe steht locker, so wie man steht, wenn man weiß, dass gleich etwas Gutes passiert. Fast alles Frauen, ein Mann – Wolfgang – mittendrin. Er lächelt viel. Martina, die Leiterin, steht vorne. Seit sieben Jahren bringt sie diese sanfte Bewegungskunst in die Region, leitet mehrere Gruppen. Ihre Ausbildung hat sie im Kloster St. Marienstern nahe Bautzen gemacht. Und sie lehrt das Programm „Keep Moving“, das ursprünglich für Menschen mit Parkinson entwickelt wurde, heute aber Menschen jeden Alters bewegt – im besten Sinn.

Vor ihr, auf einem kleinen Tuch, sitzt ein Buddha aus Holz. Er schaut, als wisse er, dass wir gleich ein bisschen mehr bei uns selbst ankommen.
„Fensterputzen“ und andere Geschichten
Martina leitet an. Ihre Stimme ist ruhig, ohne Eile. „Wir putzen jetzt mal die Fenster.“ Niemand denkt an Putzlappen. Alle Arme bewegen sich in großen, kreisenden Bahnen, als würden unsichtbare Scheiben klarer und klarer. Dann kommt die „Sanduhr“ – Arme drehen sich, das Gewicht verlagert sich von links nach rechts und wieder zurück. Später wird ein „Seil gezogen“. Alles in Bildern, die sofort ins Herz gehen. Man muss nicht wissen, wie die Bewegungen in China heißen – es reicht, dass sie sich gut anfühlen.

Achtsamkeit mit kleinem Glanz
Mitten in einer Übung bückt sich Brigitte und hebt etwas vom Boden auf. Ein Centstück. „Ein Glückspfennig!“, ruft sie, und alle lachen. Solche Momente sind das wahre Tai Chi: Die Augen offen für das Kleine, das sonst im Staub geblieben wäre.
Der Park hört zu
Kinderstimmen dringen herüber, irgendwo zählt eine Erzieherin „Auf die Plätze… los!“. Passanten bleiben kurz stehen, sehen zu. Aber hier, unter der Pergola, ist es wie unter einer unsichtbaren Glocke: nur der Atem, die Musik, die Bewegung.

Die Kleidung? Locker. Manche in Sporthose, andere in bequemen Alltagsklamotten. Alles erlaubt, Hauptsache, man kann die Arme heben, das Gewicht verlagern, tief atmen.
Sanfte Kraft
Tai Chi ist nicht einfach Gymnastik. Es ist langsamer, bewusster, tiefer. Man steht oder sitzt – nie liegt man am Boden. Muskeln spannen sich an, lösen sich wieder. Das Gleichgewicht wird geschult, der Geist angeregt. Martina sagt: „Es ist entspannend“ und ein Teilnehmer ergänzt: „Muskelkater gibt’s manchmal trotzdem.“

In China machen Familien Tai Chi morgens gemeinsam, als Ritual für den Tag. In Velten, hier im Park, ist es ein Ritual für Körper, Geist und Seele – und für die Gemeinschaft.
Eine Stunde im Fluss
Übung folgt auf Übung. Hände schieben unsichtbare Türen, wiegen imaginäre Kugeln, zeichnen Kreise in die Luft. Die Sonne malt Muster auf den Boden, Schmetterlinge schweben hindurch. Wer hier steht, merkt, wie der Kopf leer wird und das Herz leichter.

Das Ende – oder der Anfang?
Kurz vor elf Uhr klingt die Musik leiser. Die Gruppe kommt zur Ruhe, Hände senken sich. Der Buddha schaut noch immer – vielleicht ein kleines bisschen zufriedener. Auf der Bank liegt der Glückspfennig, glänzt im Morgenlicht.

Martina sagt, wer will, kann jederzeit mitmachen. Kein Mitgliedsausweis, keine Bedingungen. Treffpunkt: freitags von 10 bis 11 Uhr, bei gutem Wetter draußen, sonst drinnen.
Was bleibt
Ich gehe langsam zurück. Hinter mir hebt ein Schmetterling ab, als wollte er sagen: „Bis nächste Woche.“ Und ich weiß: Wer einmal diese Stunde erlebt hat, trägt etwas davon mit – wie einen Glückspfennig im Herzen.

Warum Tai Chi so gut tut – und was Keep Moving damit zu tun hat
- Ganzkörpertraining in Zeitlupe: Tai Chi stärkt Muskeln, Sehnen und Gelenke, ohne sie zu überlasten. Die langsamen Bewegungen fördern Koordination, Gleichgewicht und Körpergefühl.
- Sanfte Therapie für Körper und Geist: Die gleichmäßigen Abläufe wirken meditativ, reduzieren Stress und helfen, den Kopf frei zu bekommen.
- Für jedes Alter geeignet: Ob im Stehen oder Sitzen – die Übungen lassen sich an persönliche Möglichkeiten anpassen, auch bei eingeschränkter Beweglichkeit.
- „Keep Moving“-Ansatz: Dieses Programm wurde speziell entwickelt, um Menschen mit Parkinson oder anderen Bewegungseinschränkungen aktiv zu halten. Es kombiniert klassische Tai-Chi-Elemente mit gezielten Übungen für Stabilität, Motorik und Bewegungsfreude.
- Training mit Naturbonus: Im Freien geübt, wirkt Tai Chi doppelt – Bewegung und frische Luft stärken Herz, Kreislauf und Stimmung zugleich.
➡ Mehr Tipps und Ideen gibt es im Sammelbeitrag
Fit bis ins hohe Alter – welche Sportarten halten Körper und Geist jung?
Pingback: Fit bis ins hohe Alter – welche Sportarten halten Körper und Geist jung? - Seniorenbeirat Velten
der Beitrag ist sehr gut gelungen,beschreibt die Bewegungseinheiten optimal wieder.nur mein Name ist Martina,die Trainerin mit Zertifizierung und den Glückspfennig das stimmt ,hat Brigitte gefunden.
Ansonsten vielen Dank,das ist alles sehr gut wieder gegeben.Martina Winkler.
Dankeschön! Die Namensverwechslung hatte ich jetzt bei JEDEM Gruppenbesuch, also bitte nicht persönlich nehmen. Ich kann sie mir einfach nicht merken… 😉