Überraschungen stehen in Velten manchmal da, wo man sie nicht erwartet. Ich war eigentlich nur in der Poststraße unterwegs, um ein Paket abzugeben. Nichts Besonderes also. Rein, Nummer ziehen, kurz warten, wieder raus. So der Plan jedenfalls.
Dann blieb mein Blick am Schaufenster der DHL-Filiale hängen. Keine Werbung, keine Preisliste, kein üblicher Hinweis auf Öffnungszeiten oder Paketmaße. Stattdessen stand dort, mit Kreide geschrieben und in sauberer, fast feiner Schrift, ein Gedicht:
„Veltener Storch
Glücksbringer im Federkleid
im Herbst in Wolkenwand
verschwand“
Darunter der Name: Anita Stickrath.
Ich musste erst einmal stehen bleiben. Gerade weil man so etwas zwischen Paketscheinen und Versandkartons nicht unbedingt vermutet. Und dann stellte sich heraus: Das ist kein Einzelstück, sondern ein Elfchen. Eines von elf Gedichten, die jetzt in der Innenstadt in Schaufenstern zu finden sind. Eine kleine literarische Spur durch Velten also. Elf Fenster, elf kurze Texte, und dahinter 135 Menschen aus der Stadt, die mitgemacht haben. Von Grundschulkindern bis zu Seniorinnen und Senioren weit über neunzig. Das ist schon etwas, was einem nicht egal bleibt.
An dem Fenster selbst passte erstaunlich viel zusammen. Drinnen dieser lebensgroße DHL-Bote aus Pappe mit seinen gelben Kästen, draußen der graue Himmel, kahle Bäume, Novemberlicht. Und mittendrin der Storch, der laut Gedicht längst verschwunden ist. Das hatte etwas Stimmiges. Ein bisschen melancholisch, aber nicht schwer. Eher so, wie Herbst hier eben manchmal aussieht.
Poesie zwischen Paketen
Ehrlich gesagt: Gerade an so einem Ort rechnet man nicht damit, dass einen ein Gedicht kurz aus dem Takt bringt. Normalerweise geht es dort um Marken, Sendungsnummern und die Frage, ob man den Ausweis dabeihat. Umso schöner, wenn zwischen all dem einmal etwas auftaucht, das nicht schnell abgewickelt werden will.
Vielleicht ist genau das der Reiz. Diese Texte hängen nicht in einem Museum und auch nicht hinter einer großen Ankündigung. Sie sind einfach da. Im Vorbeigehen. Zwischen Schaufenstern, Geschäften und Besorgungen. Und plötzlich bleibt man stehen und liest.
So etwas wirkt nicht groß, aber es macht etwas mit einem Ort. Es holt Kunst aus der Ecke heraus, in die sie oft vorsorglich gestellt wird, und setzt sie mitten in den Alltag. Nicht laut, nicht belehrend, nicht geschniegelt. Einfach so, dass man hinschauen kann.
Und vielleicht bleiben genau deshalb auch andere stehen. Jüngere, Ältere, Leute auf dem Weg zum Einkauf oder zum Bus. Vielleicht zeigt jemand seinem Enkel, was ein Elfchen ist. Vielleicht entdeckt jemand den eigenen Text im Fenster wieder. Vielleicht kommt auch jemand auf den Gedanken, selbst wieder einmal etwas aufzuschreiben. Schlechtere Folgen kann Kunst wirklich haben.
Auszeichnung bei „Velten leuchtet“
Die elf Gewinnergedichte werden bei „Velten leuchtet“ ausgezeichnet. Für die drei Bestplatzierten gibt es ein Frühstück für zwei beim Plentz, die übrigen acht erhalten Gutscheine von Ostow. Das ist eine freundliche Art der Anerkennung. Und es passt auch ganz gut zu so einer Aktion: ein bisschen Licht, ein bisschen Aufmerksamkeit und vor allem etwas, das man nicht gleich wieder vergisst.
Ein guter Anlass für einen Spaziergang
Wer also in den nächsten Tagen ohnehin durch die Stadt kommt, sollte ruhig einmal etwas langsamer gehen. Zwischen Poststraße, Viktoriastraße und Marktplatz hängen diese kleinen Texte verteilt im Ort. Nicht aufdringlich, nicht bedeutungsschwer, sondern genau richtig dosiert.
Man merkt bei solchen Dingen schnell, ob jemand sich wirklich Mühe gegeben hat oder ob nur wieder etwas „mit Kultur“ gemacht werden sollte. Hier wirkt es eher nach ersterem. Es hat etwas Freundliches, Offenes und gleichzeitig sehr Bodenständiges. Und das passt zu Velten eigentlich ganz gut.
Ich jedenfalls werde beim nächsten Schaufenster wieder genauer hinsehen. Man weiß ja inzwischen, dass dort mehr hängen kann als Dekoration.
Bis dahin: ruhig aufmerksam bleiben. Der Storch ist im Gedicht zwar erst einmal verschwunden. Aber in Velten taucht manches ja genau dann wieder auf, wenn man nicht fest damit rechnet.