Montagmorgen, kurz vor acht, Viktoriastraße. Ich war unterwegs, und man sieht dieser Ecke noch an, dass der Winter nicht ganz gehen will. Auf dem Boden liegt immer noch überall Schotter, nicht in Resten, sondern ordentlich verteilt. So, als hätte man gestreut und es dann dabei belassen. Auf dem Marktplatz hält sich in einer Ecke noch ein letzter Schneehaufen. Vielleicht zehn Zentimeter hoch, grau und längst mehr Dreck als Schnee.
Das ist nun kein Drama. Aber es ist wieder so ein typischer Zwischenzustand, den man in vielen Orten kennt: Der Winter ist eigentlich vorbei, der Frühling noch nicht richtig angekommen, und aufgeräumt wirkt es auch nicht. Gerade solche Kleinigkeiten machen ja oft den Eindruck eines Ortes aus. Nicht die großen Reden, sondern das, was morgens um zehn vor acht einfach da liegt.
Am Ende bleibt der Eindruck: Der Winter zieht sich zurück. Aber mit Würde verabschiedet er sich hier nicht gerade.

Hier und da stehen noch Pfützen vom Regen am Wochenende. Das Thermometer zeigt sieben Grad, aber in der Luft liegt schon etwas Milde. Noch ist vom Frühling nicht viel zu sehen. Keine Blüten, kein großes Auftrumpfen. Aber man merkt es trotzdem. Es ist dieses leise Kippen der Jahreszeit, erst einmal nur im Atem, nicht im Bild.

Viel los ist nicht. Ein paar Schüler fahren mit dem Rad zur Schule, die Kapuzen tief im Gesicht. Zwei oder drei Hundebesitzer sind schon unterwegs. Ein schwarzer Labrador schnuppert sich gründlich durch den Schotter, als gäbe es dort etwas aufzuklären. Ein kleiner, wuscheliger Hund hebt seine Pfoten mit sichtbarem Missfallen. Man kann es ihm kaum verdenken. Und irgendwo meldet sich natürlich auch ein Jack Russell zu Wort, als müsse er hier den ganzen Straßenzug verwalten.
Ansonsten ist es still. Diese besondere Montagmorgenruhe, in der noch nicht viel begonnen hat, aber alles schon in Bewegung ist.
Nur der Stadtbetrieb ist längst bei der Arbeit. Männer beschneiden mit Motorsägen die Bäume. Das Surren geht durch die Stille, Zweige fallen auf den feuchten Boden. Da wird schon Frühjahrsordnung gemacht, während der Winter seine Reste noch nicht ganz geräumt hat.

Dann ist da noch dieser Geruch über dem Markt. Ein warmer, leicht süßlicher Hefeduft liegt in der Luft. Nicht nach Backstube im eigentlichen Sinn, eher nach Aufbackofen und frühem Betrieb. Steinecke hat schon geöffnet. Drinnen läuft der Tag längst an, draußen glänzt noch das nasse Pflaster. Es riecht nach Brötchen und nach dem üblichen Versprechen, mit dem so ein Montagmorgen gern beginnt. Ob am Ende alles so gut ist, wie es erst einmal riecht, darüber kann man bekanntlich verschiedener Meinung sein.
Der Schmuckladen daneben ist noch dunkel. Auch Kuhl Augenoptik hat um diese Zeit noch geschlossen, obwohl draußen schon Bewegung ist. Gleich nebenan bei Hermes ist dagegen längst offen. Der Montag fängt eben nicht überall gleich freundlich an. Pakete kennen da wenig Rücksicht.
Und dann hängt vor der Allianz dieses Plakat zur Pferdeversicherung: „Ein gutes Gefühl, das Beste für sein Pferd zu tun.“ Direkt gegenüber steht im Schaufenster vom Spielwarenladen ein großes Plastikpferd mit Sattel. Es schaut starr über die Straße, als warte es genau auf dieses gute Gefühl. Solche kleinen Bilder entstehen in Velten manchmal ganz von allein.


Ein paar Meter weiter hängt an einer Tür ein gelbes Schild:
„Wegen Krankheit vom 23.2. bis einschließlich Donnerstag, den 26.02. geschlossen.“
Montagmorgen, und gleich schon Ausfall. Auch das gehört zur Wirklichkeit in so einer Stadt. Kleine Läden haben oft keine große Reserve. Wenn eine Kraft ausfällt, bleibt die Tür eben zu. Gesundheit ist dann nicht nur Privatsache, sondern gleich eine Frage des ganzen Betriebs.

Auf’m Marktplatz steht das Schild Richtung „Grand-Couronne – 1053 km“. Man könnte ja einfach loslaufen. Aber erstmal reicht’s bis zum Ofenmuseum, 0,6 km. Das schaffen wir noch.

Ein paar Meter weiter, am Straßenrand, liegt noch so ein Rest aus dem Winter: eine kaputte Spiegelabdeckung, wie man sie bei Frost über die Autos legt. Halb im Laub, halb im Dreck. Kein großer Fund, aber doch ein stiller Hinweis darauf, dass vor ein paar Wochen hier noch ganz anderes Wetter herrschte.
Und vielleicht ist das überhaupt der Eindruck dieses Morgens: Velten steht im Übergang. Nicht mehr richtig Winter, aber eben auch noch kein Frühling. Noch liegt Schotter auf den Wegen, noch hält sich der letzte Schnee, noch sieht vieles eher nach Rest als nach Aufbruch aus. Aber die Stadt ist längst wach. Bäume werden beschnitten, Brötchen werden verkauft, Pakete angenommen, Kinder fahren zur Schule.
Der Frühling kommt hier nicht mit großem Auftritt. Er kündigt sich leiser an. Mit sieben Grad, nassem Pflaster und diesem warmen Hefegeruch in der Luft. Und vielleicht ist das am Ende die ehrlichere Art.
Eure Erika