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Aus Velten

„Hört, aus Velten kommen wir hierher“ – zu Besuch bei den Veltener Singdrosseln

Es ist Mittwoch, kurz vor 13.30 Uhr, im Seniorentreff Poststraße. Auf den Tischen stehen kleine Blumenvasen, Getränkeflaschen und schwarze Ordner. Vorn sitzt Wolfgang mit seiner Gitarre. Er schlägt ein paar Saiten an, hört hin und prüft, ob sie noch so klingt, wie sie soll. Nachstimmen muss er nicht.

Nach und nach kommen die Sängerinnen und Sänger herein. Sie begrüßen sich vertraut, fragen, wie es den anderen geht und was es Neues gibt. Einige kennen sich auch aus der Kegelgruppe. Auf einem Tisch liegen Bücher, die weitergegeben werden sollen. Manche fehlen heute, weil sie krank sind, und auch darüber wird gesprochen. Noch bevor die erste Liedmappe geöffnet wird, zeigt sich, dass dieser Nachmittag nicht erst mit dem ersten Ton beginnt.

Die Veltener Singdrosseln treffen sich seit drei oder vier Jahren alle zwei Wochen. Damals waren es sieben, inzwischen gehören 18 Frauen und Männer zur Gruppe. Die Idee hatte Margarete, weil sie selbst gern singt und sich vorstellen konnte, dass es anderen ebenso geht. Sie sollte recht behalten.

Ein Vogel, ein Banner und ein eigenes Lied

Den Namen haben sie sich einfach selbst ausgedacht. Ein Vogel sollte es sein, einer, der singt. So wurden aus der Gesangsgruppe die Veltener Singdrosseln. Bei Auftritten hängt ihr Banner gut sichtbar hinter ihnen, dazu trägt die Gruppe einheitliche Kleidung. Man soll schließlich erkennen, wer da gekommen ist.

Und die Singdrosseln stellen sich nicht nur mit ihrem Namen vor. Sie haben sogar ein eigenes Lied. Die Melodie ist von „Von den blauen Bergen kommen wir“, den Text haben sie auf ihre Gruppe und auf Velten zugeschnitten:

„Hört, aus Velten kommen wir hierher,
sind die Singdrosseln – schaut nur alle her.
Fröhlich singen, quatschen, lachen,
Freude haben – Freude machen.“

Es ist ein fröhliches Eingangslied, aber zugleich viel mehr als eine Begrüßung. In wenigen Zeilen steht darin, was die Gruppe ausmacht. Gesungen wird natürlich, doch genauso wichtig sind die Gespräche, das Wiedersehen und das gemeinsame Lachen. Die Singdrosseln kommen nicht nur zusammen, weil sie selbst Freude an den Liedern haben. Sie möchten diese Freude auch weitergeben.

Das Lied klingt nicht nach einer feierlichen Vereinshymne. Es ist schwungvoll, direkt und ein bisschen selbstbewusst. Beim „Jippi jippi jeh“ darf es ruhig etwas lauter werden. In der zweiten Strophe geht es darum, dass die Lieder den Zuhörerinnen und Zuhörern gefallen und man sich hoffentlich bald wieder begegnet. Am Ende steht die Zeile, die bei einem eigenen Lied natürlich nicht fehlen darf:

„Denn die Veltener Singdrosseln sind wir.“

Andere Chöre werden von jemandem vorgestellt. Die Singdrosseln übernehmen das selbst – und zwar singend.

Zwischen Liedermappen und Geburtstagskuchen

Alle Mitglieder der Gruppe sind über 80 Jahre alt. Nur zwei Männer gehören zu den 18 Singdrosseln, einer davon ist Wolfgang, der die Gruppe leitet und mit seiner Gitarre begleitet. Margarete, Waldtraud und Wally haben bereits die 90 überschritten.

Wally ist gerade 92 Jahre alt geworden. Kuchen gehört bei den Singdrosseln offenbar ohnehin zu einem guten Nachmittag, diesmal wird damit zugleich ihr Geburtstag gefeiert. Die Bleche stehen schon bereit, auf einigen Stücken liegt Puderzucker. Noch wird allerdings nicht gegessen. Zunächst werden die schwarzen Ordner geöffnet und die Seiten für das erste Lied gesucht.

Wolfgang spielt schon lange Gitarre. Wer ihn aus der Kegelgruppe kennt, erlebt ihn hier in einer anderen Rolle. Dort behält er Punkte und Spielablauf im Blick, hier gibt er die Einsätze und den Takt vor. Er wartet, bis alle die richtige Seite gefunden haben, schlägt die ersten Akkorde an und lässt der Gruppe einen Augenblick Zeit, sich in die Melodie einzufinden.

Vor jedem Platz liegt eine Mappe mit den Texten. Niemand muss Noten lesen können, niemand muss 51 Lieder auswendig beherrschen. Die meisten Melodien sind ohnehin vertraut. Sobald Wolfgang beginnt, tauchen sie wieder auf: aus der Kindheit, aus der Schule, von Familienfeiern oder früheren Ausflügen.

Manchmal braucht das Gedächtnis nur ein paar Takte.

51 Lieder und viele alte Bilder

Das Repertoire der Singdrosseln umfasst 51 Stücke. Darunter sind Volks- und Wanderlieder, Seemannslieder und Weihnachtslieder. „Das Wandern“, „Alle Vögel sind schon da“, „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, „Kein schöner Land“ und „Hoch auf dem gelben Wagen“ gehören dazu.

Nur ein Lied wird auf Englisch gesungen: „Oh My Darling“.

Die übrigen Titel bringen ihre Bilder gleich mit. Bei „Hoch auf dem gelben Wagen“ entsteht sofort das Gefühl von Bewegung. Man sieht den Wagen beinahe vor sich, die Straße, die vorbeiziehende Landschaft und den Kutscher auf dem Bock. „Wir lieben die Stürme“ klingt kräftiger. Da geht es um Wind, Wellen und Segel, und der Raum in der Poststraße wird für einige Minuten weiter, als er eigentlich ist. Andere Melodien bewegen sich weniger durch die Landschaft, dafür umso hartnäckiger durch den Kopf. „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ gehört zu den Liedern, bei denen wenige Takte ausreichen, damit man sie noch Stunden später vor sich hin summt. Auch die bekannte Oma, die Motorrad im Hühnerstall fährt, hat ihren Platz in den Mappen. Zwischen Wanderlust, Heimatgefühl und Seefahrt darf es schließlich auch etwas Unsinn geben.

Gerade diese Mischung hält das Repertoire lebendig. Manche Lieder werden ruhig und getragen gesungen, andere bekommen sofort mehr Schwung. Sie erzählen von Jahreszeiten, vom Unterwegssein, von der Ferne und von einer Welt, die viele aus ihrer Jugend kennen. Dennoch bleiben sie nicht in der Vergangenheit. Sobald die Gruppe gemeinsam einsetzt, gehören sie wieder ganz zu diesem Mittwoch.

Der Moment, in dem die Köpfe hochgehen

Während der Strophen schauen viele auf ihre Liedblätter. Manche folgen der Zeile mit dem Finger, andere kennen den Text fast vollständig und werfen nur gelegentlich einen Blick in die Mappe. Beim Refrain verändert sich das Bild. Dann gehen die Köpfe hoch. Die Sängerinnen und Sänger schauen nicht mehr auf das Papier, sondern in den Raum und zueinander. Die Stimmen werden deutlicher, weil niemand mehr allein seiner eigenen Textzeile folgt. Genau dort zeigt sich die besondere Wirkung des gemeinsamen Singens: Eine einzelne Stimme kann leise, rau, hell oder etwas unsicher sein. In der Gruppe wird sie aufgenommen und trägt zugleich selbst etwas bei.

Es muss niemand besonders laut singen. Es geht nicht darum, eine andere Stimme zu übertreffen. Wichtig ist, gemeinsam zu beginnen, auf Wolfgangs Gitarre und auf die Nachbarinnen und Nachbarn zu hören. Wer eine Zeile verpasst, findet beim Refrain wieder hinein. Wer den Einsatz nicht sofort erwischt, wird von den anderen mitgenommen.

Vierzehn Lieder für Lebensart

An diesem Mittwoch wird für einen bevorstehenden Auftritt bei Lebensart geprobt. Vierzehn Lieder hat die Gruppe dafür ausgewählt. Wolfgang gibt den Anfang vor, die Singdrosseln setzen ein. Manche Stücke funktionieren sofort, bei anderen wird noch einmal begonnen, bis Tempo und Übergang stimmen.

Das Publikum bei den Auftritten besteht meist selbst aus Seniorinnen und Senioren. Viele kennen die Lieder und brauchen keine Einladung auf Papier. Nach den ersten Takten bewegen sich die Lippen, später wird mitgesungen. Beim Refrain kann aus einem Auftritt schnell ein gemeinsamer Nachmittag werden.

Auch beim Veltener Stadtfest waren die Singdrosseln bereits dabei. Dort zeigt sich besonders gut, wie vertraute Melodien Menschen festhalten können. Wer eigentlich nur vorbeigehen wollte, bleibt noch für ein Lied stehen. Aus einem Lied werden zwei, und plötzlich steht man länger vor dem Banner der Gruppe als geplant.

Bei den Auftritten tritt die Gruppe einheitlich auf, doch teilnehmen muss niemand. Wer einen Termin nicht schafft, krank ist oder nicht auftreten möchte, kann trotzdem Teil der Singdrosseln bleiben. Es geht um Verlässlichkeit, aber nicht um Zwang. Die Gruppe lebt davon, dass ihre Mitglieder gern kommen.

Weitere Kontakte und Auftritte sind bereits im Blick. Für Anfang August ist vorgesehen, auch andere Seniorenbeiräte anzuschreiben. Die Singdrosseln möchten ihre Lieder schließlich nicht nur für sich behalten.

Ein Akkordeon würde gut dazu passen

Wolfgangs Gitarre führt zuverlässig durch die Lieder, trotzdem hat die Gruppe noch einen Wunsch. Gesucht wird jemand, der Akkordeon spielt und sich mit Volks- und Wanderliedern auskennt.

Bei einigen Stücken können sich die Singdrosseln diesen Klang besonders gut vorstellen. „Horch, was kommt von draußen rein“ oder „Hoch auf dem gelben Wagen“ bekommen mit einem Akkordeon eine andere Fülle. Das Instrument kann eine Melodie tragen, ihr Schwung geben und zugleich etwas Vertrautes wachrufen.

Die Gitarre soll dabei keineswegs ersetzt werden. Ein Akkordeonspieler oder eine Akkordeonspielerin würde den Klang der Gruppe ergänzen. Entscheidend wäre ohnehin nicht allein das Instrument, sondern jemand, der dieses Liedgut mag und Freude daran hätte, regelmäßig mit den Singdrosseln zu musizieren.

Kaffee, Kuchen und Bücher, die weiterwandern

Nach einigen Liedern wird eine Pause gemacht. Die Ordner bleiben offen auf den Tischen liegen, während Kaffee eingeschenkt und Wallys Geburtstagskuchen verteilt wird. Nun geht es nicht mehr um den richtigen Einsatz, sondern darum, was seit dem letzten Treffen geschehen ist.

Es werden Neuigkeiten ausgetauscht, Bücher wechseln ihre Besitzer, und man spricht über diejenigen, die heute fehlen. Die Singdrosseln treffen sich alle zwei Wochen und bleiben gewöhnlich bis etwa 15.15 Uhr zusammen. In dieser Zeit wird nicht durchgehend gesungen. Die Pause ist kein Loch im Programm, sondern gehört fest dazu.

Wer gemeinsam singt, muss einander nicht zwangsläufig gut kennen. Bei den Singdrosseln ist es umgekehrt: Weil sie sich kennen, klingt auch das gemeinsame Singen anders. Man weiß, wer gewöhnlich neben einem sitzt, wer welches Lied besonders gern mag und wessen Stuhl an diesem Nachmittag leer geblieben ist.

Aus sieben Menschen sind auf diese Weise 18 geworden. Vielleicht nicht nur, weil Margarete damals gern singen wollte, sondern weil aus ihrer Idee ein Ort entstanden ist, an dem man erwartet wird.

Freude haben – Freude machen

Am Ende des Nachmittags werden die schwarzen Ordner geschlossen. Wolfgang legt die Gitarre beiseite, auf den Kuchentellern liegen nur noch Krümel. Einige verabschieden sich gleich, andere bleiben noch stehen und setzen ihre Gespräche fort.

Die Lieder selbst sind alt, doch hier werden sie nicht wie Erinnerungsstücke behandelt. Die Veltener Singdrosseln holen sie regelmäßig zurück in die Gegenwart. Alle zwei Wochen bekommen sie einen neuen Mittwoch, neue Stimmen und manchmal ein Publikum, das plötzlich mitsingt.

Das eigene Eingangslied sagt deshalb mehr über die Gruppe aus, als es eine lange Vorstellung könnte: Aus Velten kommen sie hierher, um zu singen, zu quatschen und zu lachen, selbst Freude zu haben und anderen welche zu machen.

Und genau so klingt es auch.

Die Veltener Singdrosseln sind eine Gruppe der Seniorengemeinschaft Velten und treffen sich unter dem Dach des Seniorenbeirats alle zwei Wochen mittwochs von 13.30 bis etwa 15.15 Uhr im Seniorentreff Poststraße.

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